Rede Dr. Dorothee Schlegel - Volkstrauertag

Veröffentlicht am 13.11.2022 in Reden/Artikel
 

Rede zum Volkstrauertag am 13.11.2022 in Oberschefflenz

Der Volkstrauertag ist wie im Wort bereits enthalten, ein Tag der Trauer. Er ist ein staatlicher Gedenktag und besonders geschützt. Wir trauern heute um die Opfer von Gewalt, Gewaltherrschaft, Rassismus und Krieg – überall auf der Welt. Wir trauern um Frauen, Männer und Kinder, die ihr Leben verloren haben.

Wir haben uns an diesem Ort versammelt, um auch der Opfer und der Gefallenen der beiden durch Deutschland begonnenen Weltkriege und der Opfer der nationalsozialistischen Unrechts- und Gewaltherrschaft zu gedenken.

Wir gedenken der Opfer fremdenfeindlicher Anschläge und der Kinder, die indirekt Opfer geworden sind, weil sie durch Gewalttaten ihre Eltern verloren haben.  Wir gedenken der Opfer, die getötet wurden, weil ihr Leben als unwürdig bezeichnet wurde oder weil sie sich gegen die Gewaltherrschaft zur Wehr gesetzt haben.

Wir trauern – auch als Zeichen des Respekts vor dem Leben eines jeden Menschen. Die Flaggen sind auf Halbmast gesetzt und alle öffentlichen Tanz- und Sportveranstaltungen sind laut Gesetz verboten.

Es ist ein Tag, an dem wir wachgerüttelt werden mögen. Es ist ein Tag, an dem wir zum Frieden, zur Versöhnung und zu einem respektvollen Umgang miteinander aufgerufen sind. Es ist kein Tag, um den Krieg und die Opfer jeglicher kriegerischen und zivilen Gewalt zu verherrlichen.

Es ist ein Tag, an dem wir uns bewusst machen, warum 1949 die Mütter und Väter unseres Grundgesetzes als Folge der beiden Kriege und der vielfachen Unmenschlichkeit den wichtigsten Artikel an den Anfang gestellt haben. Artikel 1 lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“.

Und es heißt weiter: „Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit – in der ganzen Welt.“ China und Katar eingeschlossen.

Auch daran wollen wir heute erinnern.

Doch die Geschichte zeigt leider: Die Würde des Menschen ist antastbar. Daher muss dieser erste Satz unserer Verfassung uns allen kompromisslose Richtschnur sein und bleiben. Jeden Tag, im Kleinen wie im Großen. Dieser Satz muss uns Mahnung und Auftrag sein, niemals zuzulassen, dass Menschen ausgegrenzt, verfolgt, in ihrem Lebensrecht beschnitten oder gar getötet werden. Oder aus Machtgier in den Kriegen dieser Welt zu Opfern werden, ob als Soldaten auf beiden Seiten oder als Zivilpersonen.

Wir müssen uns erinnern – auch dazu dient dieser Tag. Denn das vergangene Geschehen verbindet sich mit unserer Gegenwart, prägt unsere Gegenwart. „Wir sind alle Glieder einer zerbrechlichen und doch erstaunlich haltbaren Kette von Generationen, Schicksalen und Kämpfen“, so der israelische Historiker Omer Bartov. Unser Leben verdanken wir unseren Vorfahren und den Orten und Ereignissen unseres Umfeldes. Die große Geschichte, in die wir eingebunden sind, ist daher immer auch eine Familiengeschichte. Und auf die Rückfrage: „Was hat denn all das mit mir zu tun?“ sollten wir antworten können. Wir verstehen unser Gewordensein und unser Zusammenleben nur, wenn wir wissen, was auch in unserer nächsten Umgebung geschah, was unsere Vorfahren getan oder unterlassen haben, was uns vorangegangen ist.

Wir müssen uns erinnern, auch wenn sich viele von uns nicht erinnern lassen wollen. Auch wenn sich viele von uns schwer tun mit allem, was mit Militär, mit bewaffneten Einsätzen und Verteidigung, auch in fernen Ländern, zu tun hat.  Wir verdrängen es, wir sprechen zu selten darüber und wenn, dann nur widerwillig. Das mag in Anbetracht der beiden Weltkriege verständlich sein.

Mit Schweigen und Verdrängen bleiben wir aber unserer Gesellschaft und denen, die unser Land, unsere Demokratie, unsere Werte und die Menschenwürde weltweit verteidigen, etwas schuldig.

Wir tragen mit unserem Gedenken heute auch Verantwortung – Verantwortung für den Frieden. Verantwortung, sich den Konflikten unserer Gegenwart zu stellen – ob vor Ort oder da, wo wir tätig sind oder gefragt werden. Auch um die Sprachlosigkeit zu überwinden, ist dieser Volkstrauertag wichtig.

An diesem Tag der Trauer wird uns bewusst, dass Trauern erst möglich wird, wenn wir uns auch der schmerzhaften Erinnerung stellen. Die heutige Erinnerung ist dabei kein Selbstzweck, sondern sie ist wichtig für die Zukunft – für das Morgen.

Ich danke dem Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge, der einen solchen Gedenktag schon 1919 vorgeschlagen hat und der als Gedenktag wenige Jahre danach auch gesetzlicher Feiertag wurde. Viele Jahrzehnte bereits arbeiten junge Menschen mit dem Volksbund zusammen an vielen Orten, an denen einstige Kriegsgegner gemeinsam ihrer Toten gedenken können.

Ich war vor wenigen Jahren in Estland, nahe der russischen Grenze und habe dort mit einer kleinen Delegation von Politikern einen Soldatenfriedhof besucht. Auch wir Jüngeren sind Zeitzeugen auf unsere Weise. Denn wir sind Kinder unserer Eltern, die den Krieg als Kinder und Jugendliche erlebt haben.

Die Älteren unter uns können sich sicher an das ein oder andere erinnern, auch wenn es schmerzlich ist, auch wenn die eigene Rolle, das eigene Tun nicht nur positiv waren.

Das Erinnern an unsere eigene Geschichte wird nun in Anbetracht des doch sehr nahe gerückten Krieges in der Ukraine lebendiger als je gedacht. Es sind wieder Menschen, denen das Schicksal von Krieg, Vertreibung, Flucht, Tod und Sterben widerfährt.

Das Erinnern heute an all das Leid, das geschah, das im Moment weltweit geschieht und morgen leider nicht aufhören wird, ist mehr als ein bloßes Zur-Kenntnis-Nehmen. Wer sich erinnert – und das tun Sie heute auch durch Ihr Hierhergekommensein, dem werden Ereignisse und Erfahrungen aus Erzählungen und aus dem Geschichtsbuch ins Gedächtnis gerufen.

Das Wort „erinnern“ bedeutet auch, dass es uns innen, innerlich angeht und betrifft. Manches Erinnern und manches Trauern erfordert auch Mut, manches Erinnern ist eine Pflicht, die uns der Wille zu Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit auferlegt – gegenüber Schuld und Versagen. Auch wenn es nicht unser persönliches Versagen war. Aber es ist Teil unserer Vergangenheit und Teil unserer Familien, unserer Vorfahren.

Hannah Arendt schrieb dazu und das gelte so bis heute: „Das Denken an vergangene Angelegenheiten bedeutet für menschliche Wesen, sich in die Dimension der Tiefe zu begeben, Wurzeln zu schlagen und so sich selbst zu stabilisieren, so dass man nicht bei allem Möglichen – dem Zeitgeist, der Geschichte oder einfach der Versuchung hinweggeschwemmt wird.“

Es ist gut, dass Hannah Arendt dies nicht konkretisiert. Denn jede Zeit hat ihre Versuchungen, Ablenkungen, Verdrängungsmechanismen und Fake News und birgt Gefahren.

Durch das gemeinsame Erinnern und Trauern helfen wir uns miteinander, das Schwere der Vergangenheit und der Gegenwart zu tragen und können uns stärken – hin zum Frieden, zur Bewahrung der Menschenwürde und dem Respekt voreinander. Hoffnung und Versöhnung mögen uns dabei starke Weggefährten sein.

Ich danke Ihnen, dass Sie mit uns allen das Erinnern und die Trauer heute teilen.

Dr. Dorothee Schlegel, Billigheim

 

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